27.08.2020

Fünf Jahre "Wir schaffen das"

Keiner hat gesagt, dass es einfach wird

Vor fünf Jahren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise sagte Angela Merkel den berühmten Satz „Wir schaffen das“. Diese Worte haben das Land verändert – und gespalten. Heute fragen sich Befürworter und Kritiker: Haben wir es geschafft? 

Ein Banner fordert, Geflüchtete aus Moria in Deutschland aufzunehmen
Ein Banner fordert, Geflüchtete aus Moria aufzunehmen. Nicht alle Positionen in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik sind so liberal. 

Von Sandra Röseler 

Als Angela Merkel vor fünf Jahren ihren mittlerweile berühmten Satz „Wir schaffen das“ gesagt hat, löste das auf den ersten Blick viel Gutes aus. In den Wochen zuvor hatten sich Zehntausende Geflüchtete über die Balkanroute auf den Weg nach Europa gemacht und waren in Ungarn gestrandet. Merkel setzte sich dafür ein, dass sie nach Deutschland kommen konnten. 

Zunächst folgte darauf eine Welle der Solidarität: Als die Menschen nach monatelanger, teils zu Fuß zurückgelegter Flucht in Deutschland eintrafen, wurden sie mit Teddybären und Applaus empfangen. Schnell war von der deutschen „Willkommenskultur“ die Rede. Helferkreise bildeten sich, Gemeinden bauten Unterkünfte für die rund 890 000 Geflüchteten, die im Lauf des Jahres 2015 nach Deutschland kamen. Tausende Bürger spendeten Kleider, organisierten Deutschunterricht. 

Doch so gern man sich heute mit Stolz daran erinnern mag: Seit Merkels „Wir schaffen das“ hat sich das Land verändert – nicht nur zum Positiven. Schnell wurde klar, dass mit ihren zuversichtlichen Worten viele Probleme verbunden sind: ein überfordertes Asylsystem, die zunächst oftmals schwierige Integration, Gewalt und Kriminalität. Die Kölner Silvesternacht ist nur ein Beispiel für die Vorfälle, die negative Schlagzeilen machten. 

Die Diskussion und die Herausforderungen durch die großen Flüchtlingszahlen waren ein Nährboden für das Erstarken der AfD, die in kürzester Zeit mit zweistelligen Ergebnissen zur stärksten Oppositionspartei wurde. Zu den Schattenseiten gehören auch Hass und Hetze: Angriffe auf Asylunterkünfte und offener Rassismus auf den Straßen. 

Merkels Aussage polarisierte – schnell folgte ein Wandel: weg von der Willkommenskultur, hin zur Diskussion um eine Obergrenze für Geflüchtete und zuletzt zum umstrittenen „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“. Die katholische und die evangelische Kirche beklagen, dass von der anfänglichen Willkommenskultur nicht mehr viel übrig geblieben ist: Beispielsweise bekämen Geflüchtete im Kirchenasyl immer seltener ein Verfahren in Deutschland. 

Heute stehen sich zwei Seiten gegenüber

Heute, fünf Jahre nach Merkels Satz, stehen sich in der Diskusson um die Flüchtlingspolitk zwei Seiten gegenüber. Die einen fordern: „Lasst es uns schaffen“. Sie demonstrieren dagegen, dass Menschen, die in Deutschland gut integriert sind, abgeschoben werden. Und sie sind sich sicher, dass Deutschland  mehr schaffen könnte – Geflüchtete von der griechischen Insel Moria aufnehmen zum Beispiel.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, für die „Wir schaffen das“ nach wie vor ein Ausdruck von politischem Versagen ist. Und die warnen, dass sich 2015 auf keinen Fall wiederholen dürfe. Zuletzt, als Anfang dieses Jahres die türkisch-griechische Grenze geöffnet wurde.  

Inwieweit hat sich Merkels Satz nun bewahrheitet? Fakt ist: Es gibt Vieles, das wir erreicht haben – viele Geflüchtete haben mittlerweile zum Beispiel eine Wohnung und einen Job gefunden. Probleme gibt es weiterhin – auch viele ungeklärte Fragen in der Flüchtlingspolitik. Aber, dass es einfach werden würde, hat Merkel auch nicht behauptet.