22.10.2020

Brief an die Gemeinde in Thessalonich

Klappt auch ohne ihn

„Ihr seid ein Vorbild für alle Glaubenden geworden“, schreibt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Thessalonich. Er ist stolz auf seine Neugründung. Aber wie hat er das gemacht mit der Verkündigung? Und können wir von ihm lernen?

Eine Statue des Apostels Paulus
Der Verkündiger: Paulus gründet Gemeinden – auch die in Thessalonich. 

Von Susanne Haverkamp 

„Ich staune immer wieder, wie aktuell manches aus den Thessalonicherbriefen ist“, sagt Regina Börschel. Die Theologin hat eine Doktorarbeit über die Gemeinde geschrieben. „Sie ist besonders spannend, weil wir in keinem Fall näher an die Anfänge einer Gemeinde herankommen als hier“, sagt sie. Zwischen der Gründung der Gemeinde und dem ersten Thessalonicherbrief liegen nur wenige Monate. „Nirgends im Neuen Testament kann man besser sehen, wie die Anfänge des Gemeindeaufbaus aussahen und was die Identität einer jungen Gemeinde ausgemacht hat.“

Und das, sagt Börschel, kann lehrreich sein für heute: „Gerade, wenn es um Gemeindeaufbau und die missionarische Kirche geht, lohnt es, genauer hinzuschauen.“ Denn manche Fragen und Probleme von damals sind nicht so fern von den Fragen und Problemen von heute. 

Multikulti in der Stadt

Thessalonich, sagt Regina Börschel, war zur Zeit des Paulus eine aufstrebende Provinzhauptstadt. „Die Stadt hatte einen natürlichen Hafen und lag an einer wichtigen Handelsroute, bis zu 40 000 Menschen lebten vermutlich damals dort.“ Nach antiken Maßstäben war Thessalonich also eine quirlige Großstadt. Und die Menschen in dieser Stadt waren kulturell und religiös bunt gemischt. „Sie kamen aus verschiedenen Regionen, sprachen verschiedene Sprachen, praktizierten verschiedene Kulte und verehrten verschiedene Gottheiten“, sagt Börschel. So war der römische Kaiserkult dort genauso vertreten wie ägyptische oder griechischen Mysterienkulte. Auch eine jüdische Gemeinde gab es dort. 

Die unterschiedlichen Religionen und Kulte lebten recht friedlich miteinander, zumal sich viele Menschen nicht auf einen festlegten. „Es war in der antiken Welt – mit Ausnahme der Juden und später auch der Christen – durchaus möglich, verschiedene Kulte zu praktizieren und in verschiedenen Kultvereinen Mitglied zu sein“, sagt Börschel. „Das, was wir heute Patchworkreligiosität nennen würden, wenn sich Leute also aus Christentum, Buddhismus und Esoterik das Beste heraussuchen – das gab es damals auch schon.“ Und in diese Situation hinein verkündete Paulus das Evangelium. So wie wir heute oft auch …

Basisverkündigung reicht

Paulus blieb nicht lange in den Städten, in denen er missionierte. „In Thessalonich waren es nur einige Wochen bis wenige Monate“, sagt Börschel. Klar, dass er in dieser Zeit keine kleinteilige Dogmatik ausbreiten konnte. Eher eine Erstverkündigung. „Im Mittelpunkt stand für Paulus der Glaube an den einen Gott und an Jesus Christus, der gelitten hat, gestorben ist, auferstanden ist und wiederkommen wird“, sagt Börschel. Deshalb seien Christen diejenigen, „die Hoffnung haben, Hoffnung auf die eigene Auferstehung und die Gemeinschaft mit Jesus Christus“.

Der zweite entscheidende Punkt, sagt die Theologin, sei ein Ethos, eine Lebenspraxis. „Etwa, dass sexuelle Ausschweifungen, die damals mit heidnischen Kulten durchaus in Verbindung stehen konnten, nicht zum christlichen Leben passen. Oder dass man den Bruder oder die Schwester nicht übervorteilen darf.“ Basisregeln, die auf den Zusammenhalt in der Gemeinde zielten. „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“, heißt es im Johannesevangelium. 

Grundlegender Glaube und grundlegendes Ethos – das reicht für Paulus. Heute dagegen müssen Dogmatiker erst jahrzehntelang Kongresse veranstalten und Konsenspapiere schreiben, bevor Christen miteinander das Brot des Herrn teilen dürfen ...

Missionarisch Kirche sein

Und mit dieser Basisverkündigung, meint Paulus, kann man schon selbst loslegen mit der Mission – vom Täufling zum Verkündiger in wenigen Wochen. „Von euch aus ist das Wort des Herrn nach Mazedonien und Achaia gedrungen“, heißt es in der Lesung, und: „Ihr seid zum Vorbild geworden.“ Und das ein halbes Jahr nach der Erstverkündigung! Dabei war es genau diese Kombination, die den ersten Christen oft Ärger einbrachte: die Kombination aus Exklusivität und Mission. „Ein Kern der Verkündigung war, sich ausschließlich dem einen Gott zuzuwenden“, sagt Regina Börschel. Und das hieß: Schluss mit Patchworkreligion. „Dieser Exklusivitätsanspruch provozierte und trug dazu bei, dass Paulus Widerstand hervorrief.“ Aus vielen Städten wurde er vertrieben, auch aus Thessalonich.

Andererseits heißt Exklusivität eben nicht, sich als Minderheit wohlzufühlen und auf die anderen herabzuschauen. „Christliches Selbstbewusstsein heißt nicht Abgrenzung oder ‚Zieht euch zurück‘“, sagt Börschel. Vielmehr sei die Devise gewesen: „Lebt ein Leben, das auch für andere ansprechend sein kann.“ Heute dagegen meinen manche, dass der heilige Rest sich von der bösen Welt abschotten möge ...

Selbstverantwortung

Und noch etwas ist für heute spannend. „Paulus hat die Gemeinden immer zur Selbstständigkeit erzogen“, sagt Regina Börschel. „Er hat Vertrauen in die Eigenverantwortung der Getauften.“ Für Paulus sei das das Prinzip der Kirche: „Er gründet Gemeinden in Metropolen und von dort geht die Verkündigung ohne ihn weiter.“ Auch für die junge Gemeinde in Thessalonich gilt das. So schreibt Paulus ganz am Ende seines Briefes: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1 Thess 5,21). Bemerkenswert, dass Paulus so etwas Christen zutraut, die er erst vor einigen Monaten bekehrt hat. Denn heute scheint der Satz „Prüft alles und behaltet das Gute“ eher für die oberste Kirchenleitung reserviert zu sein ...

Briefe ans Volk

Selbstverantwortung heißt allerdings nicht, dass Paulus die Gemeinden egal sind. Deshalb entsendet er Mitarbeiter wie Timotheus. Oder er schreibt Briefe. „Darin holt er oft nach, was bei der Erstverkündigung zu kurz gekommen ist“, sagt Regina Börschel. Oder er beantwortet Fragen der Gemeinde. Manchmal bezieht er in Streitfragen Position. „Er tut dies mit seiner Autorität als Gemeindegründer“, sagt Börschel. Die aber nicht absolut ist. „Oft genug muss er um seine Autorität ringen.“ Und Widerspruch hinnehmen. Und das ist dann doch wieder so wie heute.