26.07.2022

Papst bittet Kanadas Indigene um Vergebung

Klare Worte, tiefe Gesten

Papst Franziskus hat bei seinem Kanadabesuch zu Betroffenen der sogenannten Residential Schools gesprochen und um Vergebung für die Taten gebeten, die dort, auch im Namen der katholischen Kirche, begangen wurden.

Papst Franziskus trägt ein Warbonnet, einen traditionellen indigenen Kopfschmuck mit Federn, während der Begegnung mit den indigenen Gruppen First Nations, Metis und Inuit. Foto: CNS photo/kna/Paul Haring

Groß prangt das Schild "Mental Health and Cultural Support" neben einem traditionellen Zelt der First Nations, dem Tipi. Rund 300 ehrenamtliche Helfer sind in den kleinen Prärieort Maskwacis gekommen, um die "Überlebenden", wie sie sich nennen, beim ersten großen Zusammentreffen mit Papst Franziskus zu unterstützen. Sie verteilen "Tränenbeutel". Dort hinein sollen Menschen ihre Taschentücher legen, mit denen sie ihre Tränen getrocknet haben. Anschließend werden die Tüten in einem Feuer verbrannt.

Eine von vielen Möglichkeit mit Betroffenheit oder schlimmer, einer Retraumatisierung durch den Papstbesuch umzugehen. Papst Franziskus spricht am Montag zum ersten Mal vor einer größeren Gruppe Indigener auf ihrem Boden, in Kanada. Rund 2.000 ehemalige Schülerinnen und Schüler der sogenannten Residential Schools, Ältere und weitere Angehörigen der drei großen Indigenengruppen des Landes, der First Nations, Metis, Inuit, sind gekommen.

Sie alle erwarten eine Bitte um Entschuldigung für die Rolle der Kirche in der Geschichte der Residential Schools und deren "katastrophaler Folgen", wie der Papst später sagt. Ob das reichen wird für das erlittene Unrecht, werde erst die Zeit zeigen, erzählen zwei junge Frauen. Ganze Generationen ihrer Gemeinschaft seien traumatisiert. Hilda Joseph hingegen erhofft sich von der Vergebungsbitte Heilung.

Joseph ist für ihren Vater gekommen, der vor vier Jahren starb. Er überlebte eine Residential School in Saskatchewan. Doch bis zu seinem Tod habe er an den Riten seiner Gemeinschaft, dem Big River Bond, nicht mehr teilnehmen können, erzählt die 60-Jährige. Zu stark seien die schlimmen Eindrücke der Schule gewesen, sein Leben lang. Ihre Familie leide noch heute darunter.

Kinder wurden im Rahmen einer Assimilationspolitik aus ihren Familien in die Internate geholt

Insgesamt wurden vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre 150.000 indigene Kinder zum Besuch einer der vom Staat eingerichteten und zumeist von Kirchen betriebenen Einrichtungen gezwungen. Im Rahmen einer Assimilationspolitik wurden sie aus ihren Familien geholt, erhielten teils andere Namen, durften unter Androhung von Strafen ihre Sprache nicht sprechen; wurden misshandelt und auch missbraucht.

Experten schätzen, dass 4.000 bis 6.000 Kinder in den Residential Schools starben - an Unterernährung, Krankheiten, auf der Flucht, durch Suizid. Bei der Zeremonie mit Papst Franziskus halten Frauen ein meterlanges Transparent mit Namen der Opfer hoch. Das Kirchenoberhaupt ist sichtlich bewegt, als er mit dem Rollstuhl auf die kleine weiße Bühne in der Pow-Wow-Arena geschoben wird. Hier feiern die örtlichen Gemeinschaften sonst ihre Feste feiern, pflegen ihre Riten.

In der Nähe stand eine der größten Internatsschulen Kanadas. Die Ermineskin Indian Residential School, betrieben von katholischen Missionaren, war bis in die 1970er Jahre in Betrieb. Mindestens 15 Kinder sind dort gestorben. Kurz zuvor hatte Franziskus auf dem nahe gelegenen Friedhof gebetet, allein, in aller Stille - begleitet nur vom Trommelklang und Gesang eines einzelnen Mannes.

Papst Franziskus betet auf dem Friedhof der Ermineskin Cree Nation zwischen den Gräbern der Schüler der Ermineskin Indian Residential School. Foto: Vatican Media/Romano Siciliani/kna

In der Arena herrscht gespannte Ruhe, als Franziskus das Unrecht benennt. Einen Schmerzensschrei rufe der Ort bei ihm hervor. "Ich denke an die Tragödie, die so viele von euch, eure Familien, eure Gemeinschaften erlitten haben; an das, was ihr mir über das Leid, das ihr in den Internatsschulen ertragen musstet, erzählt habt", so der Papst.

Ende März hatten indigene Delegationen ehemaliger Schüler und Angehörige Franziskus im Vatikan besucht, ihm von ihren Erfahrungen erzählt. Nun bittet der Papst in Kanada um Entschuldigung für den "verheerenden Fehler". Das tut er für die "vielen Christen, die die Kolonialisierung der Mächte unterstützt haben, die die indigenen Völker unterdrückt haben". Weiter "für die Art und Weise, in der viele Mitglieder der Kirche und der Ordensgemeinschaften, auch durch Gleichgültigkeit, an den Projekten der kulturellen Zerstörung und der erzwungenen Assimilierung durch die damaligen Regierungen mitgewirkt haben, die im System der Internatsschulen ihren Höhepunkt fanden".

Kanadas erste Völker zeigen bei Papstbesuch ihre Kultur

"Ich bitte demütig um Vergebung für das Böse, das von so vielen Christen an den indigenen Bevölkerungen begangen wurde", sagt der Papst sichtlich bewegt. Mehrfach kommt Applaus auf, als er um Vergebung bittet. Seine Worte berühren. Einige der Anwesenden weinen. Nach der Ansprache überreicht Franziskus ein Paar rote Mokassins. Es sind die Schuhe, die ihm Metis bei ihrem Besuch in Rom schenkten, als Zeichen für das Leid der indigenen Kinder. Nun folgt Franziskus ihrer Bitte, die Schuhe wieder zu ihnen zurückzubringen.

Das Kirchenoberhaupts begleitet seine Buß-Reise mit deutlichen Gesten. Bereits bei seiner Ankunft in Kanada am Sonntag küsste der Papst demütig die Hand von Alma Desjarlais, einer Überlebenden der Residential School der Frog Lake First Nation.

Papstbesuch und internationale Medien sind für Kanadas erste Völker Gelegenheit, nach der Zeit der Unterdrückung ihre eigene Kultur zu zeigen. Ihre Gesänge, Instrumente, Tänze, Kleidung, Gesten stehen im Mittelpunkt. Kanadas politische Prominenz, Generalgouverneurin Mary Simon und Premierminister Justin Trudeau, bleiben im Hintergrund. Beim Besuch der ersten indigenen Pfarrei Kanadas, am Montagabend (Ortszeit) in Edmonton, wird sich das nicht ändern. Franziskus wird in einem Tipi beten und erneut zu Indigenen, Überlebenden der Internate und Älteren der First Nations sprechen.

kna/Severina Bartonitschek