10.06.2021

Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx

Lob und Kritik für Papst-Entscheidung

Die Entscheidung von Papst Franziskus, das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx nicht anzunehmen, stößt bei Kirchenvertretern überwiegend auf Zustimmung. Missbrauchsbetroffene dagegen sind enttäuscht. 

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx
Viele Kirchenvertreter sind froh, dass der Papst seinen Rücktritt abgelehnt hat: der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx soll im Amt bleiben. 

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat mit Erleichterung auf die Entscheidung von Papst Franziskus reagiert, den Rücktritt des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx nicht anzunehmen. Der Limburger Bischof freue sich auf die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Erzbischof von München und Freising, sagte der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg sagte: "Ich bin - nicht zuletzt mit dem Blick auf den Synodalen Weg - froh, dass Kardinal Marx uns als starke Stimme erhalten bleibt." Die Entscheidung aus Rom zeige, "dass die angebliche Unzufriedenheit über den Synodalen Weg in Deutschland der vielschichtigen Realität nicht entspricht", so Sternberg in der "Rheinischen Post".

Zudem hätten die Reaktionen auf Marx' Angebot gezeigt, "dass er ein sehr hohes Ansehen genießt und man den Ernst, wie er mit der extrem schwierigen Lage der katholischen Kirche in Deutschland umgeht, sehr gewürdigt hat", so der Präsident des höchsten deutschen katholischen Laiengremiums.

Auch in Marx' Erzbistum München und Freising wurde die Ablehnung des Rücktrittsgesuchs unter anderen von Domdekan Lorenz Wolf gewürdigt. Stadtpfarrer und Bestseller-Autor Rainer Maria Schießler sprach von einer "frohen Botschaft". Dies gelte sowohl mit Blick auf eine konsequente Aufarbeitung des Missbrauchsskandals als auch den Fortgang des Synodalen Weges.

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) betonte, dass das Verzichtangebot von Marx auch nach der Ablehnung ein wertvolles Zeichen bleibe. Der BDKJ-Vorsitzende Gregor Podschun ergänzte jedoch: "Eine Annahme des Amtsverzichts von Kardinal Marx durch Papst Franziskus hätte gezeigt, dass auch Rom sich bewusst ist, in welcher dramatischen Lage sich die Kirche befindet."

Die Vorsitzende des Katholikenrats der Region München, Hiltrud Schönheit, sagte der KNA, sie freue sich, dass die Hängepartie für das Erzbistum schnell beendet sei. Jedoch finde das "Sensationelle" im Gesuch des Kardinals, in dem er auch von eigenen Fehlern gesprochen habe, wenig Widerhall. Ferner sei von der Perspektive der Betroffenen, die Marx umgetrieben habe, "nicht so richtig was zu sehen" in dem Schreiben von Franziskus.

Der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, kritisiert die Entscheidung von Papst Franziskus. Damit nehme der Papst dem Rücktrittsangebot des Münchner Erzbischofs die Wucht, sagte Katsch. Besonders erschreckend sei, wie der Papst in seiner Erklärung versuche, die Verantwortung für Machtmissbrauch und Missbrauchsvertuschung durch Bischöfe weltweit zu relativieren, indem er darauf verweise, "dass früher eben 'andere Zeiten' gewesen seien", so Katsch. Von dem radikalen Neuanfang, den das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx andeutete, sei jetzt wenig geblieben.

Entsetzt und "fassungslos" zeigte sich der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff. Rom und der Papst hätten damit einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie offenbar «über keine klare Handlungsperspektive für die Institution und die verantwortlichen Akteure» angesichts der Missbrauchskrise und ihren Folgen verfügten, sagte Hoff der österreichischen Presseagentur kathpress.

Der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln bewertete hingegen die Papst-Entscheidung als sehr gut. Eine saubere Aufarbeitung könne nur geschehen, wenn sich die verantwortlichen Kardinäle und Bischöfe ihrer Verantwortung nicht entzögen. «Insofern hoffen wir, dass die Entscheidung wegweisend ist für möglicherweise weitere geplante Rücktritte in den deutschen Bistümern», sagte Beiratsmitglieder Peter Bringmann-Henselder. Wenn jeder Bischof, der sich im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch verantwortlich fühle, zurücktreten würde, stünden die Bistümer über kurz oder lang ohne Führung da.

Der Beirat hofft nun auf einen Kurswandel bei der Missbrauchsaufarbeitung in München. Die Herangehensweise müsse "sich radikal ändern. Nicht der Ruf der Kirche sollte bei der Aufarbeitung an erster Stelle stehen, sondern die Betroffenen", hieß es.

kna