25.02.2021

Teil 2 unserer Fastenserie zum Tugenden

Maß und Mitte

Mit welchen Leitlinien kommen wir weiter gut durch die Corona-Krise? Welche Maßstäbe geben uns Orientierung für ein anständiges Leben? Die klassischen christlichen Tugenden können Wegweiser sein. Die Fastenserie stellt sie vor.

Eine Frau trägt aufeinandergestapelte Kartons.
Kauf dir, was du willst, und gern auch ein bisschen mehr – dazu verführt die Konsumgesellschaft.
Wer Maß hält, weiß: Es muss nicht alles sein, was geht.

Von Andreas Lesch 

Der Spruch kommt garantiert. Egal, ob die Eltern ihre Kinder ermahnen, das Handy wegzulegen. Ob sie sie drängen, nach der achten Bitte dann doch mal gnädigerweise ihr Zimmer aufzuräumen. Oder ob sie rufen: „Jetzt reicht’s mit eurer Klopperei!“ Immer sagen die Kinder: „Jetzt chill mal!“  Will heißen: Reg dich ab! Alles halb so wild!

Natürlich soll das vor allem cool klingen. Aber es ist, nebenbei, auch: ziemlich klug. Denn im Kern handelt der Spruch vom Wert einer Tugend. Vom Wert des Maßhaltens. Jetzt, in der so extremen Corona-Zeit, hilft diese Tugend wohl noch mehr als sonst. Sie zu beherzigen, bedeutet, nicht nur Schwarz oder Weiß zu sehen. Also: wegen des Virus nicht gleich an den Weltuntergang zu glauben – aber bei der ersten Nachricht vom Impfstoff auch nicht sofort an die Rettung. Nicht nur das Leid und die Probleme zu erkennen, auch die Hilfsbereitschaft und Hoffnung.

Wenn wir Maß halten, kommen wir ruhiger durch diese unruhige Zeit. Können manches gelassen lassen, wie es ist. Fühlen uns nicht so angepiekst von der nächsten irren Wendung, die die Pandemie produziert. Das Maß ist wie ein Puffer, der vieles abprallen lässt. Die Politiker haben Fehler gemacht? Sicher, aber fragen ließe sich auch: Macht nicht jeder Fehler, gerade in einer so neuen Situation? Wer Maß hält, krakeelt nicht – und faselt schon gar nichts von einer „Virologen-Diktatur“. 

Der Sohn kann seinen besten Freund nicht treffen, weil dessen Eltern sich ängstigen vor einer Ansteckung? Wer Maß hält, akzeptiert das – weil jeder nun mal anders umgeht mit der unsichtbaren Covid-19-Gefahr. 

Wir sollten nicht zu streng mit uns sein

Das Leben gerade ist schwer genug. Die Tugend des Maßhaltens kann helfen, es leichter zu machen. Dabei klingt sie immer so freudlos, so nach Spaßbremse und Disziplin. Wie falsch das ist! Beim Maß geht’s doch nicht darum, sich durch Selbstquälerei die Laune zu verderben. Sondern darum, seine Mitte zu finden. Und jetzt, da Corona uns zu vielen Beschränkungen zwingt, bedeutet Maß vielleicht gerade ein klitzekleines bisschen Maßlosigkeit. Warum nicht mal im Supermarkt zur leckersten Schokolade greifen, die wir lieben, aber sonst zu teuer finden? Warum nicht was zu essen bestellen, beim Restaurant um die Ecke? Und einen etwas edleren Wein dazu trinken als sonst? Wenn’s doch Freude bringt. Und hilft, nicht in Trübsal zu versinken.

Wir sollten nicht zu streng mit uns sein, wir dürfen uns auch mal was gönnen. Jeder weiß selbst am besten, welche Maßstäbe zu ihm passen. Mäßigung, das bedeutet: sich selbst gut führen, bewusst leben. Und nichts übertreiben. Jesus hat vorgelebt, wie das gehen kann. Er hat sich gegen extremes Fasten ausgesprochen und gegen eine extreme Auslegung des Sabbatgebots. Er hat betont, dass Fasten richtig ist, aber er hat nicht alle Fastengebote akribisch eingehalten. 
Dieses Nichtübertreiben kann uns heute helfen, auch jenseits der Pandemie. Ja, wir sind aufgefordert, für gute Zwecke zu spenden, aber es muss nicht so viel sein, dass für Alltagsfreuden nichts mehr bleibt. Ja, wir dürfen besten Gewissens Urlaub machen – aber es muss wegen der Klimakrise nicht der Flug in die Karibik sein. Ja, wir sollten unsere Kinder lieben, aber wir sollten sie nicht so vergöttern, dass wir wegsehen, wenn sie Mist gebaut haben.

Klar, manchmal ist das Maßhalten anstrengend. Aber es wirkt. Nicht ohne Grund hat Hildegard von Bingen im rechten Maß einst die „Mutter aller Tugenden“ erkannt. Wenn wir Maß halten, verbeißen wir uns nicht in das, was wir für richtig halten. Wir beharren nicht auf unserer Meinung, sondern hören auch die Gegenseite. Aber wir leben keineswegs beliebig und lau, unentschlossen, larifari. Sondern gut austariert, im Gleichgewicht, mit uns, mit anderen, mit der Welt. 

Nüchterne Besonnenheit statt hektische Hysterie

Maß steht für klares, souveränes Denken und Handeln. Für nüchterne Besonnenheit statt hektische Hysterie. Nicht reinsteigern in ein Problem. Besser helfen, es zu lösen. In der Corona-Zeit also: nicht die Hetze von Corona-Leugnern verbreiten und unbegründete Ängste vor der Impfung schüren, sondern seriöse Fakten und wissenschaftlich fundierte Informationen teilen. Und dadurch helfen, dass die Gesellschaft zusammenhält.

Zugegeben, das Maßhalten hat nicht den besten Ruf. Die Werbung trötet: Nur du zählst! Such dein Glück! Kauf die neueste Jeans, das modernste Handy, das protzigste Haus! Wer Maß hält, versteht, dass nicht alles sein muss, was geht. Die Klimakrise zeigt, dass der Wachstumswahn in unserer maßlosen Überflussgesellschaft ins Verderben führt. Da ist weniger wirklich mehr. 

Corona lässt ahnen, wie wichtig die Mäßigung noch werden wird. Sie wird uns helfen, auch in Zukunft eine lebenswerte Welt zu haben. Maßgeblich.