08.10.2021

Jesus spricht deutlich. Lassen wir das nah genug an uns heran?

Schneidende Worte

Gottes Wort, heißt es in der Lesung, sei ein scharfes Schwert, höchst wirksam und durchdringend. Ist das so? Oder gleicht es nicht eher Schwertern, die wir im Museum in der Vitrine sehen: früher mal wichtig, heute nur von fern bestaunt?

Foto: imago images/Ukrainian News
Gottes Wort ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert, heißt es in der Lesung. Sollten wir es also besser aus der Ferne bewundern? Foto: imago images/Ukrainian News

Von Susanne Haverkamp

Der Schmusesänger Roger Whittaker sang einst ein Lied über den Abschied von einem geliebten Menschen. Er reimte: „Abschied ist ein scharfes Schwert, das so tief ins Herz dir fährt ...“. Das Lied war ein großer Erfolg, vermutlich weil schon viele Menschen genau diese Erfahrung gemacht haben: Der Abschied von einem geliebten Menschen geht uns bis ins Mark, ist ein Stich ins Herz und verändert alles.

Dass die Lesung aus dem Hebräerbrief einen ähnlichen Erfolg hat, kann man bezweifeln. Denn mal ehrlich: Welches Gotteswort ist Ihnen wie ein scharfes Schwert tief ins Herz gefahren? Hat Sie bis ins Mark erschüttert und das ganze Leben verändert? Kann es sein, dass der unbekannte Verfasser des Briefes etwas übertreibt? Oder schließt er vielleicht von seiner persönlichen Erfahrung auf alle anderen?

Manche Menschen haben die Schärfe gespürt

Denn zweifellos hat es das gegeben und gibt es das vielleicht auch heute noch: dass ein bestimmtes Gotteswort einem bestimmten Menschen ins Herz fährt. „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ war so ein Wort; der Christenverfolger wurde zum Missionar. Der heilige Franziskus änderte wegen des Gotteswortes „Baue meine Kirche wieder auf!“ sein Leben. Und Mutter Teresa berichtet in ihrem Tagebuch, dass in einer mystischen Begegnung mit Jesus der Satz „Mich dürstet“ sie dazu bewegt hat, ihr Leben als Schulschwester für reiche Töchter aufzugeben und den Ärmsten der Armen zu dienen.

Aber was ist mit uns Normalos? Nehmen wir den jungen Mann aus dem heutigen Evangelium. Er glaubt an Jesus, geht zu ihm hin, fragt, was er tun soll, und bekommt eine klare, eindeutige Antwort: „Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben.“ Bewegt hat ihn dieses Gotteswort schon, schließlich geht er „betrübt weg“. Aber wie ein scharfes Schwert bis ins Mark getroffen, so dass er sein Leben ändert, hat es ihn wohl nicht.

Dabei hätten Gottes Worte, die wir Sonntag für Sonntag in den Lesungen hören, schon einiges Gewicht. Zum Beispiel „Liebet eure Feinde“. Müsste uns eigentlich treffen, zumal, wenn wir an den Kollegen, die Nachbarin oder den Cousin denken, die wir partout nicht ausstehen können und die wir das auch spüren lassen. Aber wir haben da unsere Mechanismen gefunden. „Ist nicht wörtlich gemeint“ gehört dazu. Und: „Ich bin schließlich keine Heilige.“ Oder: „Es muss reichen, dass ich dem nicht an den Kragen gehe; verdient hätte er es!“ Oder die Gerichtsworte Jesu: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer. Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben ...“ (Matthäus 25). Solche Abschnitte schauen wir nur von fern an: literarisch einprägsam geschrieben, aber nicht zu unserem modernen Gottesbild passend.

„Lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“ Wenn der Verfasser des Hebräerbriefs sich da mal nicht irrt. Oder vielleicht hat er ja recht, aber wir lassen das Wort nicht so nah an uns heran, dass wir seine Schärfe spüren können. Ist es nicht so wie bei den Schwertern, die wir bei Burgbesichtigungen oder Museumsbesuchen bestaunen? Wir sehen sie von weitem an, reden darüber, welche Bedeutung sie früher hatten, bewundern die glänzende Schneide und die edelsteinverzierten Griffe – und kehren zurück in unseren Alltag. In der Vitrine sehen sie imposant aus, aber mit uns heute haben sie wenig zu tun. „Bitte nicht anfassen“, an diese Warnung halten wir uns strikt.

Fragt sich nur, ob Gott sich auch so strikt daran hält. Die Lesung aus dem Hebräerbrief ist ja eigentlich eine Warnung. Vor Gottes Wort „bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden“, heißt es dort. Anders gesagt: Egal, ob wir uns vom Wort Gottes treffen lassen wollen, Gott trifft uns sowieso. Denn sein Wort ist das Maß der Dinge. 

Und noch eine Beobachtung ist interessant: Ist Ihnen aufgefallen, wie nah der Text aus dem Hebräerbrief an der Liturgie ist? Nah, aber doch mit einem auffallenden Unterschied: In der Lesung heißt es „Lebendig ist das Wort Gottes.“ Wir antworten nach der Lesung darauf mit: „Wort des lebendigen Gottes!“ Vielleicht ist es etwas überinterpretiert, aber ich finde doch, dass es eine spannende Akzentverschiebung ist. Wir bekennen in der Liturgie den lebendigen Gott, den Gott mitten unter uns, Mensch geworden in Jesus Chris-tus, bleibend gegenwärtig in Brot und Wein, symbolisch da als Ewiges Licht. Aber wir bekennen nicht, jedenfalls nicht ausdrücklich, dass das Wort lebendig ist, wirksam, dass uns die Bibeltexte bewegen, dass wir sie so nah an uns heran und in unser Herz lassen, dass sie das Leben verändern können.

Welcher Satz geht Ihnen mitten ins Herz?

Nach all dem ein Vorschlag, eine Einladung zu einer privaten Bibelmeditation: Schauen Sie auf die Lesungstexte dieses Sonntags. Fangen Sie oben an, beim Evangelium. Lesen Sie den Text laut und langsam. Und nehmen Sie sich einen Stift dazu, in die Kirchenzeitung darf man ja hineinmalen. Wenn Sie einen Satz finden, der Ihr Herz berührt, dann streichen Sie ihn an. Lesen Sie nicht weiter, bleiben Sie einfach bei diesem Satz stehen. Und denken Sie darüber nach, warum er Sie durchdringt. Und was für Sie daraus folgt. Und wenn jemand anderes bei Ihnen auch die Kirchenzeitung liest, dann tauschen Sie sich  vielleicht sogar darüber aus. Und wenn Sie heute nichts ins Mark trifft? Dann versuchen Sie es ein andermal wieder. Schließlich sind auch Gottes Worte nicht alle gleich scharf.