18.03.2020

Anfrage

Warum schwört man, obwohl Jesus es verbietet?

Im Matthäusevangelium (5,17-35) sagt Jesus, man solle nicht schwören. Warum wird dann so oft auf die Bibel geschworen? W. K., Füchtenfeld

Ihre Frage hat die Kirche zu vielen Zeiten beschäftigt – allerdings ohne dass sich ein Schwurverbot durchsetzen konnte.

Drei Beispiele für Schwurgegner: Der frühe Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus (349–407) hält einen Eid für grundsätzlich böse und fordert, ein Christ, der dazu gezwungen werde, solle sich widersetzen. Rund 1600 Jahre später sagt Dietrich Bonhoeffer, der Eid sei ein Beweis für die Lüge in der Welt. Und Mennoniten und Quäker verweigern aus religiösen Gründen bis heute jeden Eid.

Eidbefürworter verwenden dagegen das Kernargument, das immer gegen die Bergpredigt angeführt wird: Jesus hat das nicht wörtlich gemeint, er wollte etwas anderes ausdrücken. Aber was?

Um das zu beantworten muss man in die Zeit Jesu zurückblicken. Im Judentum war das Schwören gang und gäbe. Schon Abraham legte den Treueschwur „bei Gott“ ab, den König Abimelech von ihm verlangte. (Gen 21,22–24) Und im Buch Levitikus, einer Art jüdischem Gesetzbuch, heißt es nur: „Du sollst nicht falsch bei meinem Namen schwören.“ (Lev 19,12) 

Der Schwur als Bekräftigung eines Versprechens war zur Zeit Jesu so beliebt, dass es offenbar etliche Beschwörungsformeln gab, die Jesus in Matthäus 5,34–36 aufzählt und die er offenbar alle lächerlich findet. Und – und das ist der eigentliche Punkt – vollkommen überflüssig. Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ reicht für Jesus völlig aus. Ein Versprechen muss nicht durch einen Schwur bestärkt, sondern auch ohne Schwur gehalten werden. 

Jesu Satz gegen das Schwören, sagen Bibelwissenschaftler, sei deshalb kein ernst gemeintes Verbot für den Alltag, sondern eine Provokation, um den Hörern zu zeigen, wie verlogen sie oft sind, und sie zur Ehrlichkeit zu mahnen. Ähnlich wie die vorherigen Sätze wie „Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, reiß es raus“ eben auch keine Aufforderung zur Selbstverstümmelung ist, sondern eine Mahnung, die Gebote einzuhalten: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut und Frau.“

Susanne Haverkamp