26.06.2019

Anfrage

"Sein Blut komme über uns!" - Was heißt das?

Beim Prozess Jesu heißt es an einer Stelle: „Da rief das Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ (Matthäus 27,25) Wie ist die Textstelle zu verstehen? Sind damit die Juden gemeint? R. H., Berlin

Diese Textstelle muss besonders behutsam betrachtet werden, da sie in ihrer Auslegungsgeschichte dafür verwendet wurde, den Tod vieler Jüdinnen und Juden zu rechtfertigen, da das gesamte jüdische Volk die Schuld am Tod Jesu trage. Diese Auslegung entspricht nicht dem Text des Evangeliums.

Nach Matthäus ist es der Römer Pontius Pilatus, der Jesus zur Kreuzigung ausliefert, und es sind seine Soldaten, die ihn kreuzigen. Davor jedoch antwortet ihm „das ganze Volk“ auf seine Aussage, dass er am Blut dieses Menschen unschuldig sei: „Sein Blut – über uns und unsere Kinder!“

Der Evangelist spricht nicht von einigen aus dem Volk, sondern er formuliert bewusst: „das ganze Volk“. Er benutzt hier einen juristischen Begriff, der bedeutet, dass das ganze damalige Volk Israel für den Tod Jesu in die Verantwortung genommen werden soll. Und auch die weitere Formulierung wird aus dem biblischen Kultrecht übernommen (Deuteronomium 21), was zeigt: Das Volk Israel – so, wie es der Evangelist erzählt – übernimmt die Schuld am Tod Jesu, wenn sich dieser im Nachhinein als unschuldig erweisen sollte, so wie es Pilatus befürchtet.

Genau dies aber geschieht in der Deutung des Matthäusevangeliums: Das Volk Israel lädt auf sich und seine Kinder – also auf diese beiden Generationen – die Schuld am Tod des unschuldigen Jesus. Und so geschieht im Jahre 70 n.Chr. das, was Jesus in Matthäus 23,37-39 ankündigt: Jerusalem wird fallen und verlassen werden. So erscheint diese Textstelle als ein Vorgang, wie er im Alten Testament immer wieder geschildert wird: Israel hört nicht auf Gott, hört nicht auf seine Propheten, tötet sogar seine Propheten – und muss dafür die Konsequenzen erleiden.

Dagegen ist eine Deutung, das ganze Volk der Jüdinnen und Juden sei für immer von Gott verworfen, falsch und geht weit über die Aussage des Textes hinaus. Altes und Neues Testament sind sich einig: In seinem allmächtigen Handeln bleibt Gott Israel (und allen Völkern) treu.

Christoph Buysch