03.09.2020

Anfrage zum Vaterunser

Warum gibt es keine neue Übersetzung?

Die Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ kann ich nicht mitbeten und lasse sie immer bewusst aus. Warum wird diese Bitte in anderen Ländern umformuliert und bei uns in Deutschland nicht? 

Die Initiative, die Übersetzung der Vaterunser-Bitte zu ändern, um sie besser verständlich zu machen, kam 2017 aus der Französischen Bischofskonferenz. Dort heißt es jetzt „lass uns nicht in Versuchung geraten“. In Italien übersetzt man sinngemäß „überlasse uns nicht der Versuchung“. Papst Franziskus hat für die sprachliche Anpassung große Sympathie geäußert, sie aber nicht angeordnet. Deshalb bleiben die Bischofskonferenzen frei, dies zu tun – oder nicht. 

Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2018 in einer fünfseitigen Erklärung deutlich gemacht, warum sie an der bisherigen Übersetzung „und führe uns nicht in Versuchung“ festhalten will. Da sind zum einen philologische und exegetische Gründe: Die bisherige Übersetzung ist näher am griechischen Original – obwohl die griechische Fassung ja nicht von Jesus stammt, sondern selbst schon eine Übersetzung ist. Außerdem gibt es ökumenische Gründe: Das Vaterunser als verbindendes Gebet der Christen wird auch in der evangelischen Kirche in dieser Übersetzung gesprochen. 

Einig sind sich Papst, Bischöfe des deutschen und anderer Sprachräume aber in der theologischen Bedeutung der Bitte: Gott führt nicht in Versuchung, um den Menschen zu prüfen und scheitern zu lassen. Das wäre teuflisch. Gott begleitet den Menschen in manchen „Prüfungen des Lebens“, stärkt ihn in der Schwäche des Alltags und der Versuchung, sich selbst als Maßstab zu sehen und so der Sünde zu verfallen. Die Bitte ist also eher ein Zeichen des Vertrauens in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. 

Auch wenn die Vaterunser-Bitte aus den genannten Gründen im deutschen Sprachraum in absehbarer Zeit nicht geändert wird, zeigt die Diskussion, wie wichtig die inhaltliche Bedeutung ist. Das Vaterunser nicht einfach nur Wort für Wort herunterzubeten, sondern inhaltlich überlegt und mit dem Herzen, wird vielleicht durch die Diskussion über die angemessene Übersetzung der Worte Jesu sogar noch verstärkt und verbessert.

Michael Kinnen