20.07.2021

Kirchenlexikon

Wer ist Kardinal?

Dem italienischen Kardinal Becciu wird gerade in Rom der Prozess gemacht. Seine Ämter wurden ihm entzogen, trotzdem nennt er sich Kardinal. Wie hängt das zusammen?

Das Kardinalat im heutigen Sinn ist im zweiten Jahrtausend entstanden, als Päpste begannen, bedeutende Kleriker zu Kardinälen zu „kreieren“ (erschaffen), wie das offiziell heißt. Der Name Kardinal kommt vom Lateinischen „cardo“, Türangel. Er beschreibt also die tragende Rolle eines solchen Klerikers. 

Kardinal ist ein kirchlicher Ehrentitel, den der Papst auf Lebenszeit verleiht. Damit ist keine Weihe oder sakramentale Einsetzung verbunden; es finden sich auch keine biblischen Belege dafür. Unterscheiden muss man Titel und Aufgaben.

Der Papst wählt „die Männer, die zu Kardinälen erhoben werden sollen, frei aus; sie müssen wenigstens die Priesterweihe empfangen haben, sich in Glaube, Sitte, Frömmigkeit sowie durch Klugheit in Verwaltungsangelegenheiten auszeichnen“, heißt es im Kirchenrecht (Canon 351 § 1). Neben der Aufgabe, als Kollegium den Papst zu unterstützen und als Einzelne im Auftrag des Papstes Leitungsämter und Aufgaben an der römischen Kurie und in der Weltkirche wahrzunehmen, besteht die wichtigste Aufgabe der Kardinäle darin, einen neuen Papst zu wählen. 

Derzeit ist die Altersgrenze für die aktiven Aufgaben eines Kardinals – so also auch das Recht, an einer Papstwahl teilzunehmen – 80 Jahre. Doch auch wer altersgerecht von den Aufgaben zurücktritt, bleibt dem Titel nach Kardinal. 

Für den Verlust des Titels kennt das Kirchenrecht keine Regelung. Es gibt aber Beispiele von ehemaligen Kardinälen, die aus unterschiedlichen Gründen die Rechte eines Kardinals verloren haben, aus dem Klerikerstand entlassen oder gar exkommuniziert wurden. Bekannt geworden ist die Laisierung des früheren Kardinals Theodore McCarrick wegen verschiedener Sexualverbrechen. Daneben gibt es Rücktritte von den Aufgaben, Rechten und Privilegien eines Kardinals unter Beibehaltung des Titels. Dies gilt für Keith Patrick O‘Brien (2015) und für Giovanni Becciu (2020).

Der  in der Kirchengeschichte häufigste Grund dafür, zu Lebzeiten nicht mehr Kardinal zu sein, ist aber ein ganz anderer: Wenn der betreffende Kardinal im Konklave zum Papst gewählt wird.

Michael Kinnen